[Rezension] Lindsey Fitzharris – Der Horror der frühen Medizin [37/2020]

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Verlag: Suhrkamp
Autor: Lindsey Fitzharris
Übersetzung: Volker Oldenburg
Veröffentlichung: 09.07.2018
Genre: Sachbuch
Zeitalter: 1820-1908
Seiten: 276
Preis Paperback: 14,95
Herkunft: Bonuspunkte bei mojoreads eingelöst
Reihe: nein


Grausig sind die Anfänge der Medizin: Leichenraub, blutige Operationen wie Kirmesspektakel, Arsen, Quecksilber, Heroin als verschriebene Heilmittel. Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Unwissen der Ärzte sagenhaft, wie sie praktizieren, ein einziger Albtraum. Bis ein junger Student aus London mit seinen Entdeckungen alles verändert … Lindsey Fitzharris erzählt vom Leben dieses Mannes und vom Horror, den ein einfacher Arztbesuch damals bedeutete – schaurig, unterhaltsam, erhellend.

Als Joseph Lister 1844 sein Studium in London beginnt, ist die medizinische Versorgung der Bevölkerung desaströs: Die Krankenhäuser sind überfüllt und verseucht. Um aufgenommen zu werden, müssen Patienten genug Geld für die eigene Beerdigung mitbringen. In den Operationssälen arbeiten Chirurgen in Straßenklamotten vor schaulustigem Publikum. Warum fast alle Patienten sterben, wie sich Krankheiten ausbreiten, darüber herrscht nicht die geringste Einigkeit, nur hanebüchene Theorien. Joseph Lister wird dann Chirurg, er will ganz praktisch helfen. Und von Neugier und hellem Verstand geleitet, entwickelt er eine Methode, die das Sterben vielleicht beenden kann …


Schon nach den ersten paar Sätzen war mir klar, dass ich dem deutschen Gesundheitssystem danken würde nach der Lektüre dieses Buches.

Lindsey Fitzharris beschreibt einen Zeitraum der das 19 Jahrhundert betrifft. Sie verwebt geschichtlichen Hintergrund mit ganz vielen Fallbeispielen aus der Ärztlichen Praxis der damaligen Zeit. Dadurch war das Buch spannend und man wurde von der Geschichte nicht erschlagen.

Der Schreibstil ist locker aber gespickt mit vielen Namen und Daten. Allein knapp 40 Seiten berufen sich auf Quellen die die Autorin genutzt hat. Dafür bekommen wir ein spannendes Sachbuch mit unglaublich vielen Fallbeispielen aus der Medizinischen Praxis und Informationen aus Briefen von Lister an seinen Vater – die die Geschichte und auch den Charakter Lister sehr greifbar machten.

Ich war entsetzt wie man damals behandelt hat und mit welcher Gleichgültigkeit zb Gliedmaßen einfach amputiert wurden. Die hygienischen Zustände waren desaströs und im Grunde war es reiner Zufall wenn jemand nach einer Operation überlebt hat. Der Beruf des Chirurgen war total schlecht angesehen und er stand auf einer Stufe mit den Handwerkern.

Mitten unter ihnen lebte Joseph Lister. Der Junge von Quäker Eltern wuchs behütet auf und lernte von Kindesbeinen an Interesse für die Medizin zu entwickeln. Sein Vater hat Mikroskope entwickelt und so eröffneten sich dem jungen Lister schnell neue spannende Welten.

Lister war unglaublich fleißig und ausdauernd und hat für seine Prinzipien gekämpft und das in einer Zeit wo man lieber das komplette Krankenhaus abgerissen und neugebaut hätte als seinen Theorien über die Keimvermehrung Glauben zu schenken.

Mein Mann hat gerade mit riesen Wunden nach einer Operation zu tun und so ging mir dieses Buch noch dreimal näher als es das normalerweise wäre. Ohne Listers Ehrgeiz und festen Glauben an sich und sein Wissen könnten wir heute solche Wunden zb. nicht reinigen. Ohne ihn und seinen sturen Willen sein Wissen überall auf der Welt zu verteilen wäre die Menschheit nicht da wo wir jetzt sind!

Auch war Lister der erste, der sich dafür eingesetzt hat, dass in England ein Krankenhaus gebaut wird, wo auch mittellose Menschen eine Behandlung erfahren durften. Zu der damaligen Zeit ging nichts ohne Geld oder Verbindungen. Lister wollte das selbe Recht für alle und hat hart dafür gekämpft!

Ich bleibe tief beeindruckt zurück und ziehe meinen virtuellen Hut. Das Buch hat mich wachgerüttelt und mich noch dankbarer gemacht, dass ich nun 100 Jahre später lebe und die Folter und Ignoranz der damaligen Menschen nicht miterleben musste. Ich bin dankbar, dass Hygiene und Sauberkeit im Krankenhaus heutzutage Standard ist und dass das Gelingen einer Operation nicht mehr vom Zufall abhängt! Dankbar, dass Lister niemals aufgeben hat, egal wie ausweglos sein Weg auch schien!

Da meine Sterne Bewertungsbox hier bei diesem Sachbuch nicht greift gibt es die 5 Sterne auf die altmodische Art. Das Buch ist eine Absolute Empfehlung, es ist manchmal etwas brutal – auch mit einigen Tierversuchen, aber so war die Forschung damals und die Behandlungen auch. Ich finde jeder sollte wissen wo wir herkommen und dankbar für das sein wo wir medizinisch mittlerweile stehen!

Rechte: Cover / Info – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung beim Verlag

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Rina.P
13. Juni 2020 14:53

Das klingt wirklich richtig interessant. Ich hab mal die Hebamme gelesen – ist zwar historisch – aber wie da die Frauen in den Geburtenhäusern behandelt wurden – übel.