[Rezension] Gerhard Zeillinger – Überleben – Der Gürtel des Walter Fantl [65/2019]

Verlag: Kremayr & Scheriau
Autor:  Gerhard Zeillinger
Übersetzung:
Veröffentlichung: 01.10.2018
Genre: Biografie, Erfahrungsberichte, NS Zeitzeugen Bericht
Zeitalter: 1942-1945
Seiten: 238
Preis ebook: 16,99
Herkunft: Print aus der hiesigen Bücherhalle
Reihe: nein
Leseprobe : hier

Walter Fantl ist vierzehn, als Hitler in Österreich einmarschiert, mit 18 wird er nach Theresienstadt, mit 20 nach Auschwitz deportiert. Gemeinsam mit seinem Vater geht er am 29. September 1944 über die Rampe von Birkenau, ahnungslos, was geschehen wird. Als der 21-Jährige im Juli 1945 nach Wien zurückkommt, ist ihm nichts von seinem Leben geblieben als ein breiter Ledergürtel: das Einzige, was er nach der Selektion behalten durfte. Bis zur Befreiung ist der Gürtel für ihn ein Überlebenssymbol, an das er sich jeden Tag klammert. Und bis heute ein Stück Erinnerung an die dunkelste Zeit seines Lebens: als er seine gesamte Familie verlor.

Heute ist Walter Fantl einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen in Österreich. Basierend auf jahrelangen Gesprächen und zahlreichen Originaldokumenten zeichnet der Historiker und Journalist Gerhard Zeillinger den bewegenden Lebensweg nach, der von der behüteten Kindheit in Bischofstetten in Niederösterreich direkt in den Horror der NS-Zeit und in die Stunde null nach der Befreiung mündet. Zeillingers dokumentarischerzählender Stil macht diese berührende Geschichte achtzig Jahre später noch einmal lebendig und schildert sehr eindringlich das Bild einer Zeit, die uns bis heute beschäftigt.

Dieses Buch fiel mir als erstes bei monerl von Monerls bunte Welt auf. Sie wollte es zeitnah lesen und so habe ich mich ihr angeschlossen nachdem ich es endlich in der Bibliothek leihen konnte.

Wie bewertet man Bücher die vom Leben einer Person erzählen? Ich tue mich damit immer schwer, weil ich dann das Gefühl habe, dass ich über das Leben der Person urteile – aber hier in diesem Buch steckt noch soviel mehr als das Leben des Walter Fantl.

Walter selbst ist einer der letzten Holocaust Überlebenden aus Wien. Mit sehr viel Feingefühl wird über sein Leben berichtet, darüber dass er behütet in Bienstetten aufgewachsen ist, bis ihm im dritten Schuljahr bewusst wird, dass er ein Jude ist, und Juden wohl anders sein müssen als andere Menschen. Langsam sehr langsam beginnt der Ausschluss der Juden – er darf zb. nicht in Jugendgruppen oder Scharen teilnehmen.

Als dann 1938 die Nationalsozialisten in Österreich einmarschieren wurde es viel schlimmer. Jeder weiss, was passiert ist, wie die Juden erst ausgegrenzt, vorgeführt, und am Ende fertig gemacht wurden. Es ist immer wieder aufs Neue erschreckend und traurig zu lesen wie sich alte Freunde beginnen abzuwenden, wie sich am Ende eine ganze Nation von den Juden abwendet. Mir fehlt an dieser Stelle bzw schon viel früher jegliches Verständnis! Ich kann nur lesen und den Kopf schütteln und weiter lesen.

Toll widerrum fand ich zu lesen, dass Walters Vater Arthur Fantl sich nicht hat einschüchtern lassen und trotz wirklich massivem Druck um seinen Laden bis zum Schluß gekämpft hat. Am Ende wurde er leider zwangsenteignet, aber es tat gut zu sehen, dass sich auch Menschen aufgelehnt haben und nicht alles blind akzeptiert haben!

Walter landet in drei verschiedenen KZ. Dass Theresienstadt ein „Vorzeige KZ“ war, wo extra ein total überzogener Propagandafilm gedreht wurde (um zu zeigen wie toll das Leben dort doch ist – während hinterrücks die alten und schwachen Menschen nach Auschwitz geschafft wurden wo sie sofort vergast wurden war mir nicht bewusst. ) Überhaupt habe ich sehr viel über das Leben in den unterschiedlichen KZ gelernt.

Was ich total befremdlich und entsetzlich fand war, dass es nicht nur die Qualen in den KZ gab, sondern dass es immer Aufseher oder Parteileute gab, die besonderen Spaß am Quälen hatten und je nach Tagesverfassung erstmal ein paar Leute abgeknallt haben weil zb ein Knopf nicht geschlossen war.

Bei so einem Thema gibt es kein „Happy End“ das maximalste was es geben kann ist, dass der Autor bzw Betroffene überlebt hat und drüber erzählen kann. Hier hat Walter zwar überlebt, aber die Ignoranz und die Gleichgültigkeit die ihm als Rückkehrer aus dem KZ in seiner Heimatstadt entgegen schlägt übertrifft nochmal alles vorher dagewesene. Ich bleibe sprachlos zurück und kann mich nur für diese Menschen schämen.

Ich bin immer dafür, dass solche Erfahrungsberichte gelesen werden sollen (müssen) sowas darf nicht nochmal passieren und in manchen Bereichen von Deutschland gehen wir leider mit riesengroßen Schritten darauf zu!

Ich könnte noch so politisch werden grad, weil mich dieses Thema emotional sowas von packt aber das hat mit Walter dann nix mehr zu tun! Ich kann euch dieses Buch sehr empfehlen. Sehr emotionaler und infomativer Bericht eines Holocaust Überlebenen!


Rechte: Cover / Info – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung beim Verlag


Weitere Meinungen:
Martinas Buchwelten
Monerls bunte Welt

2 comments on [Rezension] Gerhard Zeillinger – Überleben – Der Gürtel des Walter Fantl [65/2019]

  1. Huhu,
    ich hatte ja schon via LB geschrieben, dass ich das Buch schon länger vorgestellt habe, weil Walter Fantl aus meinem Nachbarort kommt bzw. dort geboren wurde. Ich war auch bei der Lesung von Gerhard zeilinger in der Landesbibliothel in Sankt Pölten dabei.
    https://martinasbuchwelten.blogspot.com/2018/11/lesung-gerhard-zeilinger-uberleben-der.html

    Walter Fantl lebte damals leider bereits im Altersheim und konnte aus gesundheitlichen Gründen bei der Lesung nicht dabei sein. Der Autor erzählte allerdings sehr ergreifende Geschichten, die er mit Walter Fantl erlebt hat,
    Es ist unbeschreiblich, was dmals passiert ist und man kann nur hoffe, dass es nie wieder dazu kommt!
    Liebe Grüße
    Martina

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